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Die Königin und die Sauce Hollandaise



Donnerstag Abend, kurz nach 21 Uhr. Ich habe das Gefühl, endlich Feierabend machen zu können. Eigentlich wollte ich heute überbackenen Blumenkohl mit Kartoffeln und veganer Sauce Hollandaise essen, aber dafür hätte ich nicht den ganzen Tag zuhause durcharbeiten, sondern mir auch die geplante Pause mit dem Besuch beim REWE gönnen dürfen. Ich esse etwas anderes, ich schaffe keinen Einkauf mehr, bevor nicht irgendetwas auf meinem Teller und in meinem Magen liegt. Erschöpfter als gedacht sitze ich nach dem Dinner apathisch am Küchentisch. Ich sollte wenigstens noch das tägliche Schach-Rätsel lösen. Sonst verliere ich ja meinen Streak. Dame nach g2, Turm schlägt Dame. Bauer auf g2, König versucht zu fliehen, Springer auf f4, Turm auf h1, Schach Matt. Und ich auch.


„Du warst heute wieder nicht draussen und hast dich bewegt. Und Bewegung und frische Luft sind wichtig für mentale und körperliche Gesundheit, das wissen wir doch mittlerweile.“ , höre ich mich in meinem Kopf sagen. Ich stimme meinen Gedanken zu und erinnere mich, dass ich diesbezüglich auch nicht mehr so fahrlässig sein wollte. Wohin soll man im Leben auch kommen, mit nur 273 Schritten pro Tag? Meine Health App hat da sicherlich eine Antwort drauf. Ich öffne stattdessen aber lieber die Balkontür, stecke meinen Kopf raus und atme tief ein. Ich will nur noch mal sicher gehen, dass es auch wirklich stimmt. Ja, tut es. Die frische Luft wird mir sehr gut tun und ich freue mich darauf. Außerdem, die Sauce Hollandaise über dem Blumenkohl. Für morgen dann wenigstens!


Zuhause zu arbeiten bedeutet meistens, den Tag ungeschminkt in Jogginghose zu verbringen. Ob ich mein Leben deswegen nicht im Griff habe, habe ich mich tatsächlich schon oft gefragt. Nicht wegen Karl, sondern einfach, weil es in meinem Kopf so ist, dass ein normaler Mensch sich früh fertig macht und dann ordentlich angezogen zur Arbeit geht. Nur, weil ich das Haus nicht verlasse, muss ich mich doch nicht so gehen lassen! Oder denke ich das nur falsch? Ich meine, in Berlin fühlen sich viele Menschen mit einer Jogginghose gut angezogen. Ich versuche auch so lässig zu sein und sage mir, dass es okay ist, sie für den Einkauf anzulassen. Ist ja auch schon dunkel draussen.


Der Weg zum REWE hätte gern doppelt und dreifach so lang sein können, so gut hat mir die frische Luft getan. Kurz hatte ich sogar Lust, ein Stück zu joggen. Aber was für ein Quatsch, mit einem Rucksack auf dem Rücken. Ich überquere den Parkplatz und sehe schon die Ladentür. Sie öffnet sich und zwei offensichtlich ineinander Verliebte kommen mir entgegen. Sie trägt Eyeliner und richtige Klamotten. Ich greife gedanklich nach einer Rechtfertigung. „Sie ist jung und vielleicht frisch verliebt, so wie sie ihn anschaut. Da hätte ich das auch gemacht. Als Teenager habe ich mir sogar Make-Up aufgelegt, um den Müll raus zu bringen.“ Meine Überlegungen überzeugen mich. Ich bin legitimiert. Für den Moment.


Blumenkohl, Äpfel und frischer Spinat landen in meinem Einkaufskorb. Ich begebe mich auf die Suche nach der Sauce Hollandaise. Sie ist ausverkauft. Eine herbe Enttäuschung, gepaart mit einem gedanklichen Vorwurf: „Wäre ich nur mal heute Nachmittag gegangen, so wie es doch eigentlich geplant war. Hätte ich mal gehört.“ Den letzten Satz streiche ich schnell wieder. Es gibt Floskeln, die will ich einfach nicht von den Generationen vor mir übernehmen. Ich versuche noch kurz, mir den Umstand der fehlenden Signature-Zutat schön zu reden, aber es klappt nicht. Ich muss mir meine Niederlage eingestehen. Und als wäre es nicht schon genug gewesen, dass ich quasi umsonst noch mal los bin, läuft dann, gerade wie eine Kerze und stolz wie eine Königin, diese in meinen Augen überaus gut gekleidete und wunderschöne Frau an mir vorbei. Ich fühle mich instantly wie der Spinat in meinem Korb, nachdem ich ihn in der geöffneten Tüte zwei Wochen im Kühlschrank vergessen habe.



Meine Gedanken überschlagen sich. „Sie ist bestimmt Tänzerin, weisst du? Sie hat bestimmt mal Ballett gemacht. Die haben immer so einen geraden Rücken und so eine gute Haltung. Und wahrscheinlich hat sie einen Job, bei dem sie so gut aussehen MUSS. Jeden Tag. Puh, auch anstrengend. Da kannst du doch wirklich nur froh sein, dass du das nicht musst. Du bist frei und sie ist es nicht…“ Ich habe schon längst abgeschaltet und will einfach nur schnell wieder nach Hause. Doch die Königin ist vor mir an der Kasse, legt natürlich nur gesunde Lebensmittel auf das Band und schwatzt auch noch kurz in einem freundlichen Ton mit der Kassiererin. Verdammt! Ich hatte gehofft, sie wäre wenigstens arrogant. Ich bekomme mich nicht mehr legitimiert. Sie ist einfach toll und ich bin es nicht. Doch die Dame an der Kasse scheint eine Art Engel zu sein. Sie drückt auch mir ein kurzes, freundliches Gespräch auf und für einen Moment gibt sie mir damit das Gefühl, vielleicht doch auch genauso viel Wert zu sein, wie die Königin. 


Ich nehme mich auf dem Nachhauseweg innerlich beiseite. Kann es sein, dass ich mich für mich schäme? Für meinen Körper? Für meine Kleidung? Ich habe nämlich gerade das Gefühl, dass ich nicht wirklich auf meiner Seite bin. Meine Fragen öffnen die Box der Pandora. Es ist noch viel schlimmer, als angenommen. Ich finde heraus, dass mir eine Menge Dinge peinlich sind, die ich zu verantworten habe. Ja, ich schäme mich für mich. 


Zuhause angekommen wage ich einen Versuch. Eine Idee, die mir spontan in den Kopf schießt. Ich fange an, mich bei mir selbst zu entschuldigen. Laut. „Entschuldige, dass mir die Klamotten nicht zusagen, die du für mich ausgewählt hast. Entschuldige, dass es mir nicht schnell genug geht, wie du mit deiner Arbeit voran kommst. Entschuldige, dass mir die Songs nicht gefallen, die du schreibst. Entschuldige, dass es mir nie reicht, wie viel Geld du verdienst. Entschuldige, dass ich nie mit dir zufrieden bin, obwohl du jeden Tag alles gibst, um meinen Ansprüchen gerecht zu werden.“ 


Mir rollen die Tränen über die Wangen. Jackpot! Ich erkenne meine Undankbarkeit gegenüber mir selbst. Ich sehe, vielleicht zum ersten Mal wirklich, wie hart ich arbeite. Wie mutig ich seit Jahren bin, mich ständig meinen Ängsten zu stellen, um weiter weg von meiner Comfort-Zone und näher an meine Träume zu kommen. Wie viel ich hustle, um all das zu erreichen, was ich erreichen möchte. Was ich alles gebe und auch, was ich alles aufgebe dafür. Ich trieze mich selbst und gehorche mir auch noch und doch bekomme ich von mir nichts anderes, als Kritik. Es reicht nicht. Es ist nicht genug. ICH bin nie gut genug.


Ich bin baff. Das hätte ich nicht gedacht. Das habe ich nicht gesehen. Das war mir so alles nicht bewusst. Ich bin sofort bereit, das zu ändern und ihr mehr Wertschätzung zu geben. Denn, sie hat sie verdient. Sie hat sie wirklich verdient! Wie Hochhäuser am Horizont wird immer klarer, wie viel toller sie eigentlich ist, als ich Meckersuse. Sie ist so fleißig! Sie denkt an alles, was mir wichtig ist. Sie ist immer am Start. Sie kümmert sich. Sie initiiert, sie organisiert, sie zieht durch. Sie gibt sich alle Mühe der Welt. Und sie macht alles mit so viel Hingabe und Liebe. Für mich. Ich kröne sie zu meiner Königin und verspreche ihr, mich nie wieder undankbar zu zeigen. 


Am nächsten Morgen wache ich auf. Ich fühle mich erleichtert. Da ist irgendwie weniger Druck. Ich gehe ins Bad und will mir die Zähne putzen, doch die Zahnpasta ist leer. Ich rolle kurz die Augen, aber keine Minute später finde ich die neue Tube im Vorratsschrank. Natürlich! Sie hat schon lange daran gedacht, mir eine neue zu kaufen, damit ich nicht in Frischer-Atem-Not komme. What a woman! Ich gehe in die Küche und mache mir einen Kaffee, aus meinen Lieblingsbohnen, die sie seit Jahren für mich kauft. Ich schüttle den Kopf und sage innerlich immer wieder danke, danke, danke. Wie konnte ich all das die ganze Zeit nicht sehen? Als ich die Hafermilch aus dem Kühlschrank hole, schweift mein Blick durch die Fächer. Keine Sauce Hollandaise. Ich schmunzle. Und ich werde sie dafür heute auch nicht noch mal losschicken, denke ich. Denn in meinem Bauch liegt bereits, wonach ich mich eigentlich verzehrt habe. Ein bisschen mehr Liebe, für mich selbst. 



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06 janv.

Verehrte Frau Apriori, würden Sie ihr bitte meine vorzügliche Hochachtung ausrichten?

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